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Der Stiefel auf der Kehle
In Iran nehmen nach der Öffnung unter Khatami die Zensurmassnahmen wieder zu

Bahman Nirumand



Wie in jedem totalitären Staat ist auch in der Islamischen Republik Iran die Zensur integraler Bestandteil des Systems. Nichts Geringeres wird angestrebt, als das Leben der Menschen – wie Ayatollah Khomeiny einmal sagte – von vor der Geburt bis nach dem Tod unter Kontrolle zu halten.


Im Lehrbuch für Englisch wird iranischen Gymnasiasten erklärt, was ein Mini- und was ein Maxirock ist. Schauen aber die Schüler auf die neben dem Text stehenden Fotos, können sie keinen Unterschied feststellen. Denn auch bei der jungen Frau, die nach der Beschreibung einen Minirock tragen soll, ist der Rock knöchellang. Bei genauer Betrachtung sieht man allerdings, dass der Rock mit schwarzer Farbe verlängert worden ist. Auch die Brüste der Tennisspielerin Maria Scharapowa auf dem Titelblatt einer in Teheran erscheinenden Sportzeitschrift wurden eingeschwärzt. Bei importierten Filmen werden grundsätzlich alle Szenen, die dem von Islamisten aufgestellten Moralkodex nicht entsprechen, herausgeschnitten.

Nach der Machtübernahme 1979 hatten sich die Islamisten zum Ziel gesetzt, die Gesellschaft sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich zu islamisieren. Das war kein leichtes Unterfangen. Denn unter dem Schah gab es zwar auch eine staatliche Zensur. Sie diente jedoch vorwiegend der politischen Gleichschaltung; somit gab es für Menschen, die sich dem Regime gegenüber loyal verhielten, kaum Einschränkungen. Zudem hatte der Revolutionsführer Khomeiny in seinem Pariser Exil gerade die politische Zensur des Schah-Regimes scharf kritisiert und seinem Volk versprochen, er werde die Freiheit der Presse und Meinungsäusserung garantieren.
Der Krieg gibt Rückenwind

Vor diesem Hintergrund war es nicht leicht, einem Volk, das sich in revolutionärer Euphorie befand und gerade seine Freiheit errungen hatte, Zügel anzulegen. Und wie schwierig – oder nachgerade absurd – die Aufgabe des «Ministeriums für islamische Führung» sein konnte, zeigt sich etwa am Beispiel der Universitäten. Zunächst erhielten alle Lehrkräfte ein Rundschreiben, in dem sie aufgefordert wurden, ihren Lehrplan zu islamisieren. Die Professoren rätselten darüber, was damit gemeint sein könnte. Wie sollten zum Beispiel naturwissenschaftliche Fächer, Medizin, Geschichte, Literatur oder auch Fremdsprachen islamisiert werden? Selbst das Ministerium hatte kein Konzept. Es brauchte mehr als zwei Jahre, um halbwegs realisierbare Richtlinien auszuarbeiten. Während dieser Zeit blieben sämtliche Universitäten geschlossen. Ohnehin wurden junge Männer und Frauen eher an der Front im Krieg gegen den Irak gebraucht als an den Stätten für Bildung und Forschung.

Der achtjährige Krieg lieferte dem islamistischen Regime die Handhabe, rascher als gehofft dem Volk immer mehr Einschränkungen aufzuerlegen. Politische Widersacher wurden zu Zehntausenden hingerichtet, Frauen zu islamischer Kleidung gezwungen, Schul- und Lehrbücher neu geschrieben. Ständige unangemeldete Hausdurchsuchungen führten dazu, dass sich auch im Privatleben niemand mehr vor staatlichen Eingriffen sicher fühlte.

Ein wichtiger Teil der Islamisierung bestand darin, die Gemeinschaft vor «verderblichen Einflüssen von aussen» zu schützen. Aber wie lange konnte sich ein Land wie Iran, eine bisher offene und traditionsreiche Gesellschaft, einkapseln? Wie die Geschichte zeigt, nicht sehr lange. Als der Krieg zu Ende war und bald darauf Khomeiny starb, öffneten sich allmählich die Pforten. Mit der Regierungsübernahme der Reformer unter Mohammed Khatami begann sich das Blatt zu wenden – nicht grundsätzlich zwar, aber atmosphärisch liess sich die Ära Khatami mit den Jahren davor nicht vergleichen. Die Presse erlebte eine neue Blüte, Verbote lockerten sich, die Zivilgesellschaft begann sich rasch zu entwickeln. Zwar versuchten die radikalen Islamisten durch Mordanschläge den Prozess aufzuhalten, die Justiz, die dem Revolutionsführer Ali Khamenei unterstand, liess über hundert Zeitungen und Zeitschriften verbieten und zahlreiche Journalisten einkerkern; aber gleichzeitig öffnete sich das Land zusehends nach innen und nach aussen.

Die neuen Kommunikationstechniken leisteten dem Prozess Vorschub. Trotz dem offiziellen Verbot besorgten sich Millionen Familien Parabolantennen, die ihnen den Zugang zu Fernsehprogrammen aus aller Welt ermöglichten. Das Internet machte die Zensur der Informationen und Nachrichten praktisch unmöglich. Allein in der Hauptstadt Teheran entstanden innerhalb von zwei Jahren über 4000 Internet-Cafés. Rund 8 Millionen Menschen nutzen das Internet; unter den Bloggern gehört Persisch zu den am häufigsten benutzten Sprachen.
Ahmadinejad und die Wende

Seitdem mit der Präsidentschaft Mahmud Ahmadinejads die Islamisten wieder an der Macht sind, versuchen sie, diesen Liberalisierungsprozess, der in der Tat eine Bedrohung für die Existenz des islamischen Gottesstaates darstellt, rückgängig zu machen oder zumindest aufzuhalten. Immer wieder gibt es Kampagnen zur strengeren Durchsetzung von Kleidungsvorschriften oder Blitzaktionen zur Einsammlung von Parabolantennen, die allerdings von den Benutzern umgehend neu installiert werden. Aus den USA importierte die Regierung Geräte, mit denen kritische Internet-Zeitungen gefiltert werden. Selbst die stark rechtsorientierte Internet-Zeitung «Baztab» blieb von der Zensur nicht verschont. Mitte Dezember wurden 24 Internet-Cafés in Teheran geschlossen und 23 Betreiber festgenommen.

Weit rigoroser als bis anhin ist die literarische Zensur. Tausende Manuskripte liegen bei der Zensurbehörde. In einer ersten Phase werden sie begutachtet, wobei die Behörde ein Manuskript ohne Begründung ablehnen oder den Verleger bzw. Autor zur Streichung einiger Stellen auffordern kann. Wird die Druckgenehmigung erteilt, heisst das immer noch nicht, dass das Buch erscheinen darf. Das gedruckte Buch muss, bevor es auf den Markt kommt, nochmals der Zensurbehörde vorgelegt werden. Ist die Genehmigung zur Veröffentlichung erteilt, kann das Buch immer noch nachträglich verboten und eingesammelt werden. Diese Prozedur dauert gewöhnlich mehr als ein Jahr, manchmal mehrere Jahre.

Tatsächlich sind seit der Machtübernahme der Islamisten zahlreiche genehmigte Bücher wieder eingesammelt worden. Selbst der siebte Band der Memoiren von Ex-Staatspräsident Hashemi Rafsanjani, der immer noch zu den mächtigsten Männern des Gottesstaates gehört, wurde bald nach der Veröffentlichung eingezogen. Begründet wurde die Massnahme mit der Äusserung Rafsanjanis, er sei bereits zwei Jahre nach dem Sieg der Revolution mit Khomeiny übereingekommen, die Parole: «Tod den USA» einzustellen! Der Schaden, den die Verzögerungen und Verbote anrichten, ist nicht gross genug einzuschätzen, nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch. Bücher, die zu aktuellen Themen konzipiert sind, haben kaum eine Chance. Verlage, deren Bücher über längere Zeit liegenbleiben, müssen schliessen, und Autoren müssen das Schreiben aufgeben.
Der Widerstandsgeist ist nicht gebrochen

In der iranischen Medienlandschaft sieht es öde aus. Private Fernseh- und Rundfunksender existieren nicht. Die liberalen Zeitungen sind bis auf wenige, die ihre Kritik auf leise Töne beschränken, verboten. Der Druck auf Journalisten ist enorm. Viele üben Selbstzensur, um ihren Job nicht zu verlieren. Auch der iranische Film, der noch vor wenigen Jahren international ein relativ hohes Ansehen genoss, befindet sich zurzeit mehr oder weniger in einer Phase der Stagnation.

An den Universitäten wurden über hundert als säkular eingestufte Professoren in den Ruhestand geschickt. Zahlreiche studentische Aktivisten sitzen seit Monaten in Haft. Doch die iranische Zivilgesellschaft lässt sich trotz verschärfter Repression nicht kleinkriegen. Mitte Dezember erklärte ein Sprecher bei einer Protestkundgebung vor rund 2000 Studenten: «Heute zeigt sich der Faschismus im Gewand der Religion. Wir spüren die Stiefel auf unserer Kehle. Aber die Herrschenden täuschen sich. Es wird ihnen nicht gelingen, unseren Widerstand zu brechen.»


Bahman Nirumand, 1936 in Teheran geboren, lebt als Schriftsteller und Publizist in Berlin. Vor kurzem erschien im Verlag Booklett seine Studie «Der unerklärte Weltkrieg. Akteure und Interessen in Nah- und Mittelost».
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Quelle: Neue Zürcher Zeitung

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