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Iran: „Freie Rede braucht Praxis“

PATRICIA KÄFER

Weblogs. Die persische „Blogosphäre“ blüht. Kritische Stimmen haben im Iran auch kaum anderswo Platz – nicht regimetreue Medien werden laufend geschlossen.

Ihren Namen können wir nicht nennen. Ihr Alter auch nicht. Genauso wenig wie eine Antwort auf die Frage, ob die Journalistin konstant im Iran arbeitet oder nicht. Warum? Das Regime Ahmadinejad habe in den vergangenen Monaten mehrere Intellektuelle, die sich im Westen kritisch über die Arbeitsbedingungen für Journalisten im Iran geäußert hatten, bei deren erneuter Einreise ins Land verhaften lassen. Noch am Flughafen, erzählt die junge Perserin, die die „Presse“ getroffen hat.

„Ich stelle mir vor, europäische Journalisten fragen sich jeden Morgen: ,Worüber schreibe ich heute?‘ Iranische fragen sich: ,Worüber schreibe ich heute nicht?‘“, sagt sie. Da, wo sie herkommt, ist Journalismus ein gefährlicher Beruf: Bis zu Anrufen auf ihr Privathandy wurde ihr nachgestellt und gedroht, weil sie ein Mal einen regimekritischen Text veröffentlicht hatte. Sie erzählt von einem anderen Medienschicksal: Die – Präsident Mahmoud Ahmadinejad gegenüber eher skeptische – Zeitung „Shargh“ interviewte im vergangenen August eine homosexuelle Dichterin, Saghi Ghahreman – und wurde daraufhin (bereits zum zweiten Mal) geschlossen. Selbst eine im Blatt veröffentlichte Entschuldigung half da nichts.

Woher Individualität nehmen?

Das islamische Recht erlaubt Zensur – wenn sie vom Staat ausgeübt wird. Selbstzensur aus vorauseilendem Gehorsam ist allerdings noch weiter verbreitet, schätzen mehrere gebürtige Iraner, die (zum Teil erst vor kurzem) das Land verlassen haben und heute in der Diaspora leben. Das US-amerikanische Institut Aspen (ein Think-Tank, während des Kalten Kriegs gegründet) hat einige Blogger, Journalisten und Iran-Experten zum Meinungsaustausch zusammengeholt.

„Freie Rede braucht Praxis“, meint die Amerikanerin Tori Egherman, die gemeinsam mit ihrem iranischen Mann vier Jahre in Persien lebte und mit ihm im April 2007 nach Amsterdam zog. Vor allem im journalistischen Bereich gebe es zu wenig Trainings und kritisches Bewusstsein für den Beruf. Mehrere Exil-Iraner finden, den Persern fehle es an Individualität – mangels Erfahrung: „Die Psychologie-Kurse sind die langweiligsten – keiner will über seine persönlichen Umstände sprechen“, erzählen Studenten einem Iraner, der heute an der Georgetown University in Washington lehrt.

Auch die Revolution von 1979 sei eine kollektive Reaktion gegen die Diktatur des Schahs gewesen, ohne dass sich die Generation ihrer Individualität bewusst gewesen wäre, so der Universitätsprofessor. Ein solches Zeugnis stellt der britische „Guardian“ – abgesehen von einseitiger Berichterstattung – etwa auch dem vergangenen Sommer gestarteten Press TV, einem staatlichen, englischsprachigen News-Kanal, aus. Gegründet von Ahmadinejad, um der westlichen „Propaganda“ etwas entgegenzusetzen.

Kritische Stimmen im eigenen Land suchen sich zur freien Meinungsäußerung indes Kanäle, die vom Regime weniger stark kontrolliert sind, weil sie sich kaum überblicken lassen: die Weiten des Internets. Die Blogger-Szene ist zersplittert, auch fundamentalistische Gruppen sind aktiv. Etwa 100.000 Websites umfasst die iranische Weblog-Community, die – Meinungen der Exil-Iraner zufolge – den Menschen das gute Gefühl gibt zu wissen, dass es „da draußen“ auch andere Personen mit dieser, ihrer Meinung gibt.

Immerhin acht bis zehn Millionen der Perser (zwölf Prozent der 70,5Mio.) sind mittlerweile online. Laut „Reporter ohne Grenzen“ filterte die iranische Regierung 2006 zehn Millionen „unmoralischer“ Webseiten. Wie man die findet? Die regimetreue Zeitung „Kayhan“ unterstellt den Amerikanern und anderen westlichen Staaten zwar Kolonialisierung. Andererseits importierte der Iran eine Software aus den USA, mit denen kritische Internet-Seiten aufgestöbert werden können. Weitere Maßnahmen der Regierung: Die Bandbreite der Internetzugänge wird gedrosselt, Sat-TV blockiert.

Das Bloggen ist dennoch nach wie vor ein Fluchtweg. Manchmal aber schafft es die Regierung auch auf diesem Terrain, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen: Ein Internet-Journalist ist vergangenen November verhaftet worden, weil er darüber berichtete, dass die Regierung Ahmadinejad Bombensuchhunde um 150.000Euro aus Deutschland angekauft hatte – der Hund gilt Muslimen als unreines Tier.

Aus „Huren“ wurden „traurige Lieblinge“

Im Dezember wurden zwei Dutzend Internet-Cafés in Teheran geschlossen, berichtet der in Berlin lebende Publizist Bahman Nirumand in der „Neuen Zürcher Zeitung“. Auch die literarische Zensur passiert ihm zufolge heute „weit rigoroser“. Ab und zu entgeht den Behörden aber auch etwas. Wenigstens drei Wochen lang: Gabriel García Márquez' Roman „Erinnerung an meine traurigen Huren“ erschien in Persien als harmlose „Erinnerungen an meine traurigen Lieblinge“ – freilich mit selbem Inhalt. Und verkaufte sich 5000 Mal. Konservative machten die Behörden schließlich auf das „sündige“ Buch (das Wort Prostituierte wurde durch meine Schöne ersetzt) aufmerksam, in dem sich ein 90-Jähriger eine Nacht mit einer Minderjährigen bereiten will. „Die Veröffentlichung des Buches war ein Fehler“, so das iranische Kulturministerium, die Verantwortlichen seien entlassen worden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2008)



Quelle: Die Presse

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