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Hinrichtungswelle im Iran



Die Presse:

Iran: Hinrichtungswelle im Gottesstaat


02.08.2007 | 18:32 | THOMAS SEIFERT (Die Presse)

Das Mullah-Regime straft Verbrecher und Gegner härter denn je. Und das in aller Öffentlichkeit.
(c) AP (Vahid Salemi)

Teheran/New York/Berlin/Wien.Das Letzte, was Majid Kavousifar jemals sehen sollte, war ein Foto des Richters Massoud Moghaddas. Im August 2005 hatten Kavousifar und sein Neffe Hossein Kavousifar den Richter erschossen. Gestern, Donnerstag, wurden sie in Nordteheran in aller Öffentlichkeit hingerichtet. Der Strick hing von Kränen. An einer Hausmauer gegenüber, im direkten Blickfeld der beiden Delinquenten wurde ein riesiges Poster mit dem Gesicht ihres Mordopfers angebracht.

Nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters skandierten viele Schaulustige „Allahu Akbar“ – „Gott ist groß!“ und fotografierten das makabre Spektakel mit ihren Handy-Kameras. Der nun gesühnte Richter Moghaddas war im Jahr 2000 Vorsitzender in einer Reihe von Prozessen gegen Reform-Aktivisten, die in Berlin an einer Iran-Konferenz teilgenommen hatten. Er war es auch, der den bekannten Regimekritiker Akbar Ganji zu sechs Jahren Haft verurteilt hatte.

Das Verbrechen von Majid und Hossein Kavousifar an Richter Moghaddas hatte allerdings keinen politischen Hintergrund.

Die beiden Hinrichtungen waren die ersten öffentlichen Exekutionen in Teheran seit fünf Jahren, sind aber die bisher letzten in einer ganzen Reihe von Exekutionen. Allein in diesem Jahr wurden bis Ende Juli im Iran schon mindestens 124 Menschen hingerichtet, im Jahr 2006 waren es 177. Allein in den vergangenen zwei Wochen wurden 16 Gefangene erhängt.

In Mashad, einer Pilgerstadt im Osten des Landes nahe der afghanischen Grenze, wurden am Mittwoch in einer Massenhinrichtung fünf Todesurteile vollstreckt: Den Delinquenten waren Vergewaltigung, Raub und andere Verbrechen zur Last gelegt worden. Auf einem Transparent, das über dem Galgen angebracht war, stand zu lesen: „Die Durchsetzung des Gesetzes bedeutet eine Erhöhung der Sicherheit.“

Am selben Tag wurden an einem anderen Ort in Mashad zwei weitere Gefangene hingerichtet, in einer Stadt im Südosten des Landes starben noch zwei Delinquenten am Galgen.

In den vergangenen Monaten ist auch wieder die besonders grausame Hinrichtungs-Praxis der Steinigung zur Anwendung gekommen. Ja'far Kiani ist am 5. Juli in Aghche-kand, einem Dorf außerhalb von Takestan im Norden des Iran nach elf Jahren Haft gesteinigt worden. Am 8. Juli 2007 berichtete die renommierte iranische Tageszeitung „E'temad-e Melli“, dass eine Bestätigung für die Vollstreckung des Steinigungs-Urteils vorliege.

Die Hinrichtung der 43-jährigen Mokarrameh Ebrahimi, der Ehebruch mit Ja'far Kiani vorgeworfen wird, wurde daraufhin nach internationalen Protesten ausgesetzt.

Dissidenten unter Druck

Der Völkerrechtler Manfred Nowak, Sonderberichterstatter der UN-Menschenrechtskommission zum Thema Folter zeigt sich im „Presse“-Gespräch über die jüngsten Entwicklungen im Iran besorgt: „Ich habe in den verschiedensten Fällen interveniert, um Menschen davor zu bewahren, gesteinigt zu werden. Steinigung widerspricht dem Verbot der grausamen Bestrafung.“ Nowak kritisiert auch scharf die „offenbar zunehmend angewandte Praxis der öffentlichen Hinrichtungen.“ Das zur Schau stellen des Sterbens des Delinquenten sei eine „zusätzliche Erniedrigung“ des Todeskandidaten.

Nowak hat die iranische Regierung wiederholt darum gebeten, ihn nach Teheran einzuladen und ihm Zugang zu den Gefängnissen zu gewähren. Er wartet bisher vergeblich auf Antwort.

„Von Paranoia befallen“

Doch es wird auch der Druck auf politisch Missliebige erhöht: Vor einiger Zeit wurde die amerikanische Iran-Expertin mit österreichisch-iranischen Wurzeln, Haleh Esfandiari, die seit über fünf Monaten in Teheran in Haft sitzt, im staatlichen Fernsehen vorgeführt, wo sie erklären musste, dass sie Teil einer Konspiration zum Sturz des Regimes gewesen sei.

Yahya Kian Tajbaksh von der Soros-Foundation und der iranische Dissident Ramin Jahanbegloo übten sich ebenfalls in öffentlicher Selbstbezichtigung.

Der Iran-Experte an der Rudgers-Universität in New Jersey, Hooshang Amirahmadi sieht in den Hinrichtungen einen Versuch des Regimes, die Bevölkerung einzuschüchtern und „die Uhr in die Zeit unmittelbar nach der Revolution zurückzustellen“. Die „Radikalen“ setzen die „Normalisierer“ unter Druck, meint Amirahmadai im Gespräch mit der „Presse“. Der deutsche Iran-Experte an der Heinrich-Böll-Stiftung Bahman Nirumand ergänzt: „Das Regime ist von einer Paranoia befallen. Präsident Mahmoud Ahmadinejad hat Angst vor einer vom Westen induzierten sanften Revolution.“

Die Konservativen um Präsident Mahmoud Ahmadinejad haben zudem Angst, bei den Majlis (Parlaments-) Wahlen im Frühjahr gegen die Koalition aus Reformern und Pragmatikern zu unterliegen. Eine Kampagne der Einschüchterung liegt daher in ihrem Interesse.


124 Hinrichtungen gab es heuer schon im Iran. Angewandt werden praktisch nur zwei Methoden: Erhängen und Steinigung. Wie in anderen arabischen Ländern sind Exekutionen oft öffentliche „Shows“. Delinquenten wurden auch schon an Autokräne gehängt, um weithin sichtbar zu baumeln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2007)


Quelle: http://www.diepresse.com




Stren:

Hinrichtungswelle



"Iran darf nicht in Barbarei versinken"




Am Donnerstag wurden im Iran zwei Menschen hingerichtet, am Mittwoch waren sieben gehenkt worden. Mit den Exekutionen will das Regime auch Oppositionelle abschrecken. Grünen-Chefin Roth sprach von "barbarischen Schauspielen".

Die Hinrichtungswelle im Iran dauert an. Am Donnerstag wurden in der Hauptstadt Teheran zwei wegen Mordes verurteilte Männer öffentlich gehenkt. Die beiden sollen im August 2005 den stellvertretenden Generalstaatsanwalt Massud Mokadass ermordet haben. Die Exekution wurde von Hunderten von Schaulustigen beobachtet.

Erst am Mittwoch waren in der Provinz Chorassan im Nordosten des Landes sieben Iraner hingerichtet worden, in der vergangenen Woche waren nach Behördenangaben 16 Iraner wegen Gewaltverbrechen Verurteilte gehenkt worden. Im Iran werden die Todeskandidaten bei Hinrichtungen üblicherweise am Ort ihrer Tat mit dem Strang um den Hals von einem Kran hochgezogen, damit sie für Schaulustige besser sichtbar sind. Die Hinrichtung ist dadurch qualvoller, da der Tod langsamer eintritt.

Grünen-Chefin Claudia Roth kommentierte die Hinrichtungswelle in einer Pressemitteilung mit den Worten: "Die grausamen Justizmorde unter Ahmadinedschads Fundamentalisten erinnern immer mehr an die Zeit nach der 'Islamischen Revolution' im Iran. Menschen werden in barbarischen Schauspielen öffentlich hingerichtet, weil sie 'Feinde Gottes' seien, weil sie 'Gesindel' seien, Menschen ohne Obdach, suchtkranke Menschen. Hier tobt ein Terrorapparat, der sich in schlimmster menschenverachtender Weise als Herr über Leben und Tod aufspielt, der brutal ausmerzt, was ihm als 'lebensunwertes Leben' erscheint, und der auch nicht davor zurückschreckt, schmutzige tagespolitische Spiele als Wille und Richtspruch Gottes zu inszenieren."

Roth schrieb weiter, der Iran dürfe nicht "in der Barbarei versinken". Im besonderen kritisierte sie die Todesurteile gegen zwei kurdische Journalisten. Sie waren als "feindliche Krieger" eingestuft worden. Presserechtlern zufolge hatten sie sich indes nur für Minderheiten im Iran publizistisch stark gemacht. Beobachter gehen davon aus, dass die Hinrichtungswelle auch dazu dient, die "sanfte Revolution" im Lande zu unterdrücken udn Oppositionelle einzuschüchtern. Die meisten Todesurteile weltweit werden nach einer Statistik von Amnesty International in China und dem Iran ausgesprochen.
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DPA/stern.de


Quelle: http://www.stern.de




OÖnachrichten:

Öffentliche Hinrichtungen im Iran sollen Regimekritiker einschüchtern



TEHERAN. Im Iran sind erstmals seit fünf Jahren wieder Menschen öffentlich hingerichtet worden. Die Exekutionen stehen im Zusammenhang mit einer Repressionswelle, von der gewöhnliche Kriminelle und Regimekritiker gleichermaßen betroffen sind.

"Meine lieben Mitbürger. Es ist soweit. Bewahrt bitte die Ruhe und preist den Propheten Mohammed". Einige Minuten später werden den Todeskandidaten blaue Schlingen um den Hals gelegt. Die beiden Männer, die einen hochrangigen Richter ermordet haben sollen, müssen sich auf einen Hocker stellen, der von dem Henker unsanft weggetreten wird. Wie befohlen, preisen die 3000 Schaulustigen daraufhin den Allmächtigen - und aus den Lautsprechern über dem Baukran, an dem die beiden Männer hängen, fordert eine tiefe Stimme den Tod aller Heuchler und Terroristen sowie das "Ende von Amerika".

151 Menschen wurden in diesem Jahr im Iran bereits hingerichtet, die letzten 16 erst seit Wochenbeginn. Die Hingerichteten seien wegen Vergewaltigung, Entführung, Raubüberfällen und Drogenhandel für schuldig befunden worden und ihrer gerechten Strafe zugeführt worden, berichteten iranische Medien. Die Zahl der Hinrichtungen werde die des Vorjahres, als 177 Menschen exekutiert wurden, übertreffen, befürchten Beobachter in Teheran. Von den Hinrichtungen seien nicht nur "gewöhnliche Kriminelle" betroffen, die zunehmend "härter bestraft würden", sondern auch Regimekritiker. Erst am Dienstag waren zwei kurdische Journalisten zum Tode verurteilt worden. Sie sollen "gegen die Sicherheit der Islamischen Republik verstoßen" haben".

Der Grund für die "neue Sicherheitszielsetzung" der Regierung von Staatspräsident Ahmadinejad ist nach Ansicht der iranischen Politologieprofessorin Farideh Farhi "Angst und Paranoia", die durch die Iran-Politik der USA ausgelöst wurde. Nach der Ankündigung der US-Regierung, 78 Millionen Dollar zur Unterstützung der iranischen Opposition bereitzustellen, habe Ahmadinejad den Geheimdienst neu organisiert.

OÖnachrichten vom 03.08.2007


Quelle: http://www.nachrichten.at




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